Während St. Cosmae mit ihrem Barockhelm in den Himmel zeigt, wirkt St. Wilhadi geduckt und wuchtig: Ein quadratischer Backsteinturm aus dem 13. Jahrhundert, gedeckt von einem flachen Pyramidendach, vor einer dreischiffigen gotischen Halle. Es ist die älteste Kirche Stades — und die Hauptkirche des Sprengels Stade der hannoverschen Landeskirche. Wer hineingeht, findet einen Raum, der trotz aller Umbauten seinen Charakter aus dem 14. Jahrhundert bewahrt hat.
Wer war Willehad?
Namensgeber ist Willehad, ein Missionar aus Northumbria, geboren um 740. Seit etwa 772 wirkte er in Friesland, ab 780 im Auftrag Karls des Großen an der Unterweser. Beim Sachsenaufstand von 782 musste er fliehen, kehrte nach der Taufe Widukinds zurück und wurde 787 in Worms zum Bischof geweiht. 788 richtete Karl der Große für den Norden Sachsens das Bistum Bremen ein und übertrug es Willehad — er war damit der erste Bischof von Bremen. Am 1. November 789 weihte er den ersten, noch hölzernen Bremer Dom, eine Woche später starb er in Blexen an der Weser. Dass die Stader Bischofskirche seinen Namen trägt, erinnert daran, wie eng die Stadt jahrhundertelang mit den Bremer Erzbischöfen verbunden war.
Vom 11. Jahrhundert bis zur Hallenkirche
Einen Vorgängerbau gab es bereits im 11. Jahrhundert. Der Westturm, ältester Teil der heutigen Kirche, stammt vermutlich noch aus dem 13. Jahrhundert; seine Erdgeschosshalle öffnete sich einst zu einem niedrigeren Mittelschiff, das wohl zu einer Basilika gehörte. Zwischen 1320 und 1350 entstanden die drei östlichen Apsiden und die drei östlichen Joche des Langhauses. Der Grundriss ist mit der Hamburger Petrikirche verwandt, die Formen lehnen sich an die Jakobikirche an. Frühestens ab 1360 ging es weiter — mit leicht veränderten Bauformen, was man bis heute an den Pfeilern ablesen kann: im Osten Kreuzpfeiler mit Rundstäben, im Westen wuchtige Rundpfeiler, im Kern rund 40 Zentimeter dicker. Um 1400 waren die westlichen Joche und das zweijochige Brauthaus an der Nordseite fertig. Seit 1529 ist die Gemeinde lutherisch.

Feuer, Bomben, Blitz
Der Turm hatte kein leichtes Leben. 1511 brannte er und bekam 1576 einen neuen Pyramidenhelm. Der große Stadtbrand von 1659 zerstörte Turmspitze und Dächer, das Innere brannte völlig aus — nur die Gewölbe hielten. Im Putz des dritten Mittelschiffsgewölbes steht bis heute die Jahreszahl 1661, das Datum der Erneuerung nach dem Brand. 1667 setzte der Ratszimmermeister Andreas Henne einen prachtvollen barocken Turmhelm auf; ein Modell davon hat sich erhalten. Doch der Helm wurde 1712 beim dänischen Bombardement der Stadt beschädigt und 1724 von einem Blitzschlag vernichtet. Danach erhielt der Turm das heutige flache Pyramidendach; die Wetterfahne trägt die Jahreszahl 1765.
Im 18. Jahrhundert drohte der Bau zu verfallen. 1774 bis 1780 erneuerte der Moorkommissar Jürgen Christian Findorff einzelne Gewölbe. Die große Instandsetzung folgte 1860 bis 1876 nach Plänen von Conrad Wilhelm Hase: Rund drei Viertel des Mauerwerks von Langhaus und Chor wurden mit einer bis zu 60 Zentimeter starken Schale aus kleinformatigen Ziegeln verkleidet, Giebel, Portale, Strebepfeiler und Maßwerk erneuert. Anders als die neugotisch wirkenden Kirchen in Buxtehude und Harsefeld behielt St. Wilhadi dabei ihren mittelalterlichen Charakter. Die Innenrenovierungen von 1989/90 und zuletzt 2017 haben diesen Eindruck bewahrt.
Die Ausstattung nach dem Brand
Der Hauptaltar von 1660 aus einer Hamburger Werkstatt reicht bis ins Gewölbe: ein zweigeschossiger Aufbau mit Säulen und gesprengtem Giebel, eine plastische Kreuzigungsgruppe zwischen Markus und Matthäus, darüber ein Grablegungsgemälde und als Bekrönung der Auferstandene. Aus demselben Jahr stammt die Kanzel, einst von einer Mosesfigur getragen; auf dem Schalldeckel stehen ein Engel und der heilige Willehad. Von den drei Kronleuchtern überstand nur der östliche aus dem 16. Jahrhundert den Brand. Eine Altardecke von 1665 zeigt das Wappen der Königsmarck, der Familie des schwedischen Generalgouverneurs. Mehrere Epitaphien aus dem 17. und 18. Jahrhundert erinnern an Angehörige der Garnison und des Adels.

Die Orgel von Erasmus Bielfeldt
Eine Orgel ist in St. Wilhadi schon 1322 belegt — gespielt von einem Barbier namens Berthold. Das Instrument, das 1659 verbrannte, ersetzte Berendt Huß 1673 bis 1676; nach seinem Tod vollendete es sein Neffe Arp Schnitger, damals 29 Jahre alt — sein erstes eigenes großes Werk. Doch auch diese Orgel ging 1724 mit dem Turm beim Blitzschlag zugrunde.
Das heutige Instrument baute Erasmus Bielfeldt, ein mutmaßlicher Schnitger-Schüler, in den Jahren 1731 bis 1736: 40 Register auf drei Manualen und Pedal. Ungewöhnlich für eine norddeutsche Barockorgel ist, dass Bielfeldt statt eines Rückpositivs ein Hinterwerk wählte. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde daran viel verändert — 1894 baute Heinrich Röver einen Schwellkasten ein, 1937 wanderte das Werk als Rückpositiv auf die Empore. 1990 restaurierte Jürgen Ahrend die Orgel und führte sie in den barocken Zustand zurück; verlorene Register und Pfeifen wurden nach alten Vorbildern rekonstruiert. Seit März 2019 ergänzt eine Chororgel von Jens Steinhoff im französisch-romantischen Stil mit 19 Registern das Klangbild.
Im Turm hängen drei Glocken; die älteste und größte von 1725 wiegt rund 3.300 Kilogramm. Vom Bahnhof ist St. Wilhadi in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar — Adresse und Kontakt im Bereich Sehenswürdigkeiten.
Galerie



Quellen
- Wikipedia: St. Wilhadi (Stade) (08/2025)
- Wikipedia: Willehad (06/2026)
- Wikipedia: Arp Schnitger (08/2026)



