St. Cosmae et Damiani mit dem barocken Turmhelm
Foto: hh oldman · CC BY 3.0
Stadtblog
Orte & Bauwerke ·

St. Cosmae et Damiani — der Turm über der Stadt und die Orgel, die Schnitger berühmt machte

Stades Wahrzeichen ist ein achteckiger Barockhelm auf einer mittelalterlichen Kirche. Drinnen: die Huß/Schnitger-Orgel von 1673, der Altar von Christian Precht und die Spuren von Vincent Lübeck.

Wer sich Stade nähert, sieht ihn zuerst: den achteckigen, geschwungenen Turmhelm von St. Cosmae et Damiani, gut 62 Meter hoch, mitten über den Dächern der Altstadt. Die Kirche der heiligen Ärzte Cosmas und Damian ist die Hauptkirche des Kirchenkreises Stade — und für Musikfreunde in ganz Europa ein Wallfahrtsort, denn hier steht eine der frühesten Orgeln, an denen Arp Schnitger mitgearbeitet hat.

Von der Grafenkapelle zur Stadtkirche

Die Anfänge liegen im 12. Jahrhundert: In den 1130er Jahren wird eine Kapelle der Grafen von Stade erwähnt, die dem Bremer Erzbischof unterstand. Von diesem Bau ist äußerlich nichts mehr zu erkennen, doch das Patrozinium dürfte aus jener Zeit stammen — der Bremer Dom besaß bedeutende Reliquien der beiden syrischen Ärzteheiligen und konnte davon abgeben. Genau genommen heißt die Kirche Ss. Cosmae et Damiani, weil sie zwei Patrone hat; die Stader sagen meist schlicht „Cosmae-Kirche“.

Das heutige Backsteingebäude auf kreuzförmigem Grundriss ist das Ergebnis mehrerer Bauphasen vom 13. bis zum 17. Jahrhundert. Die ältesten Teile stecken im Langhaus, in den Kreuzarmen und in der gewölbten Vierung. Im 15. Jahrhundert ersetzte ein dreischiffiger Chor die ursprünglichen Ostteile. Einen Vierungsturm gab es schon um 1550: Auf der Stadtansicht von Martin Weigel ist er an seiner durchbrochenen, zwiebelförmigen Haube zu erkennen.

Der Brand von 1659 und der neue Helm

Der große Stadtbrand vom Mai 1659 traf auch St. Cosmae hart: Turmhelm, Dachstühle und die gesamte Innenausstattung gingen verloren. Die Wiederherstellung dauerte ein Vierteljahrhundert. 1684 wurde die achteckige barocke Haube aufgesetzt, die seither das Stadtbild prägt. Ohne Wetterfahne misst der Turm 62,45 Meter.

Aus den Jahren nach dem Brand stammt fast alles, was den Innenraum heute so eindrucksvoll macht. Das Geläut goss Hermann Benningk aus Hamburg 1663 neu; die Kanzel entstand im selben Jahr und ist mit Figuren und üppigem Knorpelwerk geschmückt. Das Marmortaufbecken von 1665 ruht auf Alabasterfiguren der vier Evangelisten. Das Gestühl im nördlichen Kreuzarm, um 1730, war dem Magistrat vorbehalten.

Die Huß/Schnitger-Orgel in St. Cosmae
Die Huß/Schnitger-Orgel in St. Cosmae — Foto: Clemensfranz · CC BY-SA 4.0

Die Orgel von Huß und Schnitger

Zwischen 1668 und 1673 baute der Glückstädter Orgelbauer Berendt Huß gemeinsam mit seinem Neffen und Gesellen Arp Schnitger die große Orgel von St. Cosmae. Für den damals Mitte Zwanzigjährigen Schnitger war die Fertigstellung des Stader Werks 1673 der krönende Abschluss seiner Lehr- und Gesellenjahre — später sollte er zum bedeutendsten Orgelbauer des norddeutschen Barock werden, mit Werkstätten in Stade, Hamburg, Bremen und Groningen und rund fünfzig Schülern. Nach dem Tod seines Lehrmeisters führte Schnitger die Stader Werkstatt zunächst für die Witwe Huß weiter und arbeitete von 1677 bis 1682 als selbstständiger Meister in der Stadt, bevor er nach Hamburg zog.

An der Cosmae-Orgel tauschte Schnitger 1688 vier Register seines Meisters gegen neue aus. Später griffen andere ein — 1727/28 Otto Diedrich Richborn, ab 1781 weitere Umbauten mit Eingriffen in die Originalsubstanz. In den Jahren 1972 bis 1975 wurde das Instrument unter Mitwirkung des Orgelsachverständigenausschusses der hannoverschen Landeskirche aufwendig rekonstruiert. Heute gilt sie als eine der großen erhaltenen Barockorgeln Norddeutschlands.

Vincent Lübeck an der Cosmae-Orgel

Kaum war die Orgel fertig, bekam sie einen Organisten von Rang: 1674 trat Vincent Lübeck, damals knapp zwanzig, den Dienst an St. Cosmae an und heiratete im selben Jahr Susanne Becker. Fast drei Jahrzehnte blieb er in Stade und erwarb sich einen Ruf als Organist, Komponist und Lehrer. Mit Arp Schnitger verband ihn eine lebenslange Freundschaft. 1702 wechselte Lübeck an die Hamburger Nikolaikirche, wo ihm Schnitgers größte Orgel zur Verfügung stand. Sein Werk — Präludien, Fugen, Kantaten — gehört zur norddeutschen Orgelschule und steht stilistisch dem von Dieterich Buxtehude nahe; der junge Johann Sebastian Bach hörte ihn in Hamburg spielen. Stade hat ihm später ein Gymnasium gewidmet.

Der barocke Hochaltar von Christian Precht in St. Cosmae
Der barocke Hochaltar von Christian Precht in St. Cosmae — Foto: Traumrune · CC BY-SA 3.0

Der Altar von Christian Precht

Blickfang des Chores ist der barocke Hochaltar, den der Hamburger Bildhauer Christian Precht zwischen 1674 und 1677 schuf. In der Predella liegt ein Abendmahlsrelief, das Mittelbild zeigt eine figurenreiche Kreuzigungsgruppe mit den vier Evangelisten, darüber ein Relief der Grablegung; gekrönt wird das Ganze vom auferstandenen Christus. Die weiße Fassung der geschnitzten Holzfiguren ahmt Marmor oder Alabaster nach.

Deutlich älter ist der Flügelaltar von etwa 1500, der ursprünglich in der längst abgerissenen Gertrudenkapelle vor dem Schiffertor stand. Im Zentrum steht die heilige Äbtissin Gertrud mit einem Modell ihrer Kapelle, auf den stark beschädigten Außenflügeln sind Szenen aus ihrer Legende gemalt — darunter, wie es sich für eine Hansestadt gehört, eine Kogge. Die farbigen Fenster hinter dem Hochaltar stammen von 1910.

Zehn Glocken im Turm

Das Geläut besteht aus zehn Bronzeglocken. Den Ersten Weltkrieg überstand es vollständig, im Zweiten musste die zweitgrößte Glocke zum Einschmelzen abgegeben werden. 1959 wurde sie ersetzt — gestiftet vom Hamburger Reeder Ernst Jung und seiner Frau Claere, die zugleich ein fünfstimmiges Zimbelgeläut gießen ließen. Diese kleinen, hohen Glocken tragen Namen von Musikinstrumenten und läuten das österliche Motiv „Resurrexi“. In der Turmlaterne hängen außerdem zwei Uhrschlagglocken von 1669 und 1683.

St. Cosmae bildet mit St. Wilhadi und St. Nicolai in Bützfleth das evangelisch-lutherische Stadtpfarramt Stade. Wer beide Altstadtkirchen an einem Nachmittag besuchen möchte: Sie liegen nur wenige Gehminuten auseinander — Adressen im Bereich Sehenswürdigkeiten.

Galerie

Die Kanzel von St. Cosmae et Damiani
Die Kanzel von St. Cosmae et Damiani — Foto: Nadi2018 · CC BY-SA 4.0
St. Cosmae aus der Altstadtgasse gesehen
St. Cosmae aus der Altstadtgasse gesehen — Foto: MrsMyer at German Wikipedia · CC BY-SA 3.0
Luftbild der Altstadt mit St. Cosmae et Damiani
Luftbild der Altstadt mit St. Cosmae et Damiani — Foto: Wolfgang Pehlemann · CC BY-SA 3.0 de

Quellen

Portal mitgestalten Fehlt hier ein Ort oder hat sich etwas geändert? Sag Bescheid — ich prüfe und ergänze es.