Am Anfang des 13. Jahrhunderts nutzten die Stader Bürger den Streit zwischen Welfen und Bremer Erzbischöfen für sich – und bekamen ein eigenes Recht. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden Rathaus, Hafenbecken und eine Verfassung. Der Hanse gehörte die Stadt früh an, verlor die Mitgliedschaft aber am Ende ausgerechnet wegen englischer Tuchhändler.
Ein Kaiser, ein Erzbischof und ein Privileg
Nach dem Sturz Heinrichs des Löwen war Stade jahrzehntelang zwischen dem Erzstift Bremen und den Welfen umstritten. Die Stadt stand gewissermaßen zwischen zwei Herren – und genau das gab ihr Spielraum. 1209 verlieh Kaiser Otto IV., selbst ein Welfe, Stade das Stadtrecht. Als die Grafschaft nach Vergleichen und Verträgen endgültig an die Bremer Kirche zurückfiel, bestätigte das Erzstift 1236 dieses Recht und gewährte der Stadt in der Folge zwei wertvolle Zugeständnisse: das Stapelrecht, das durchreisende Kaufleute zwang, ihre Waren in Stade zum Verkauf anzubieten, und die Befreiung von der Heerfahrt, also von der Pflicht, dem Landesherrn Soldaten zu stellen.
Eine Handschrift des Stader Stadtrechts wurde 1279 ausgefertigt; sie wird bis heute im Stadtarchiv aufbewahrt. Im selben Jahr gab sich der Rat eine eigene Verfassung, die sogenannten Stader Statuten. Sie regelten, dass der Rat einmal im Jahr gewählt wurde – wahlberechtigt waren allerdings nur die Ratsherren selbst. Eine Bürgerdemokratie war das nicht, aber ein Stück Selbstverwaltung, das die Stadt gegenüber Graf und Bischof stärkte.
Fünf Viertel, fünf Kirchen
Das mittelalterliche Stade bestand aus fünf Stadtteilen, und jeder hatte seine eigene Kirche. Am heutigen Pferdemarkt lag das Klosterviertel um das Kloster St. Georg. Daran schloss sich entlang der heutigen Hökerstraße das Kaufmannsviertel mit der Kirche Ss. Cosmae et Damiani an. Rund um St. Wilhadi erstreckte sich das Viertel des Bremer Bischofs. In der nördlichen Altstadt lebten die Fischer bei St. Nicolai, und schließlich gab es das Burgviertel der Grafen mit St. Pankratii.
Von diesen fünf Kirchen stehen heute nur noch zwei: St. Cosmae und St. Wilhadi. Die Namen der Viertel aber leben in Straßen und Plätzen weiter. Wer heute vom Pferdemarkt durch die Hökerstraße zum Hafen geht, läuft durch das Kloster- und das Kaufmannsviertel des 13. Jahrhunderts.

Die Stadt wächst ins Wasser
Platz war knapp auf dem Geestsporn. Die Stader schütteten deshalb den Marschboden auf und vergrößerten das Stadtgebiet um mehr als ein Drittel. Schon im 13. Jahrhundert gab es ein Rathaus; das heutige Alte Rathaus geht auf einen Bau zurück, der 1279 erstmals urkundlich erwähnt wird und vermutlich kurz zuvor entstanden war. Um 1300 bekam der Hafen ein erweitertes Becken mit seitlichen Kaimauern – nahezu in der Form, die der Alte Hansehafen heute noch hat. Damit die Schiffe ihn erreichen konnten, wurde die Schwinge vom 15. Jahrhundert an mehrfach vertieft.
Auch die soziale Fürsorge hatte früh einen Ort: Ab 1307 ist ein Leprosorium nachweisbar, aus dem 1319 das Gertrudenstift hervorging. Sein Gebäude fiel erst 1712 der dänischen Belagerung zum Opfer. Ab 1361 besaß die Stadt zeitweise das Recht, eigene Bündnisse zu schließen – für eine Stadt unter bischöflicher Herrschaft ein bemerkenswertes Maß an Eigenständigkeit.
In der Hanse
Die Hanse war kein Staat, sondern ein Verbund vor allem norddeutscher Kaufleute, der sich von der Mitte des 12. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts um sichere Handelswege und gemeinsame Interessen im Ausland kümmerte. In ihrer größten Ausdehnung zählten fast 300 See- und Binnenstädte dazu; die Kogge wurde zu ihrem Symbol. Stade gehörte schon in der Frühzeit dazu und schickte ab 1373 Vertreter zu den Hansetagen, den Versammlungen der Städte.
Der Hafen an der Schwinge war das wirtschaftliche Herz dieser Zeit. Doch das nahe Hamburg wuchs schneller, und die Konkurrenz um die Handelswege auf der Elbe war ein Dauerthema. Reformation und Stadtentwicklung liefen parallel: Getragen vor allem von den Mönchen des Georgsklosters wurde Stade evangelisch; die erste lutherische Predigt hielt Johann Hollmann bereits 1522.

Der Ausschluss – wegen englischer Tuchhändler
Das Ende der Mitgliedschaft kam durch eine wirtschaftliche Entscheidung, die auf den ersten Blick klug erschien. 1587 nahm Stade die englischen Tuchkaufleute der Merchant Adventurers auf, eine Handelsgesellschaft, die in der Hanse als Konkurrenz galt. Die Antwort war hart: 1601 wurde Stade zum zweiten Mal und nun dauerhaft „verhanst“, also aus dem Bund ausgeschlossen. Die Engländer blieben nicht lange – 1611 verlegten sie ihre Niederlassung nach Hamburg. Stade hatte die Hanse verloren und die Engländer dazu.
Ein Nachspiel gab es erst vier Jahrhunderte später. Seit den 1980er Jahren beteiligt sich die Stadt am Hansetag der Neuzeit, einem freiwilligen Zusammenschluss ehemaliger Hansestädte. Und seit April 2009 – pünktlich zum 800. Jubiläum des Stadtrechts – darf Stade wieder offiziell den Titel „Hansestadt“ führen. Die Urkunde übergab der damalige niedersächsische Ministerpräsident am 29. April 2009.
Quellen
- Wikipedia: Stade (Abschnitt Mittelalter und Hansezeit) (08/2026)
- Wikipedia: Grafschaft Stade (07/2026)
- Wikipedia: Altes Rathaus (Stade) (01/2025)
- Wikipedia: Hanse (08/2026)
- Wikipedia: Hansestadt (08/2026)



