Die Mündung der Schwinge in die Elbe bei Stadersand
Foto: Walter Rademacher · CC BY-SA 3.0
Stadtblog
Geschichte ·

994: Wikinger an der Schwinge – wie Stade in die Geschichte eintrat

Ein Überfall, ein Ortsname aus dem Altsächsischen und eine Grafenfamilie auf dem Spiegelberg: die Anfänge Stades zwischen Geestsporn und Elbe.

Bevor Stade eine Stadt mit Mauern, Markt und Rathaus war, lag hier ein Landeplatz für Schiffe am Rand der Elbmarsch. Aus dieser Schiffslände wurde im Lauf von drei Jahrhunderten ein befestigter Grafensitz, ein Marktort der Bremer Erzbischöfe und schließlich der Kern der heutigen Altstadt. Der Weg dorthin beginnt mit einem Namen, der schlicht „Ufer“ bedeutet.

Was der Name verrät

Der Ortsname ist älter als jede Urkunde. Im Altsächsischen hieß stath so viel wie Ufer, Küste oder Hafen, im Mittelniederdeutschen wurde daraus stade. Gemeint war meist die Mündung eines kleineren Flusses, an der Boote anlegen konnten. Dasselbe Wort steckt im heute kaum noch gebräuchlichen „Gestade“ und – in oberdeutscher Lautung – im Schweizer Ortsnamen Gstaad. Sprachlich gehört es zur Familie von „stehen“ und „stellen“: ein Ort, an dem man festen Boden erreicht.

Für Stade passt das genau. Die Siedlung entstand auf einem Sporn der Geest, der in das breite Urstromtal der Elbe hineinragt, dort, wo die Schwinge kurz vor ihrer Mündung noch von den Gezeiten erreicht wird. Wer hier landete, stand auf trockenem Sand statt im Marschschlick.

Die ältere Siedlung bei Groß Thun

Menschen lebten in der Gegend schon in der Altsteinzeit, wie archäologische Funde belegen. Die erste befestigte Anlage mit eigener Schiffslände entstand aber nicht an der Stelle der heutigen Altstadt, sondern etwa vier Kilometer weiter südwestlich bei Groß Thun. Sie wurde um das Jahr 650 angelegt und lange fälschlich „Schwedenschanze“ genannt – mit den Schweden, die erst tausend Jahre später kamen, hatte sie nichts zu tun.

Um 800 gaben die Bewohner diese Burg aus unbekannten Gründen auf und zogen nach Nordosten auf den verkehrsgünstigeren Geestsporn. Dieser Umzug ist die eigentliche Geburtsstunde des heutigen Stade. Um 900 sicherte eine Burg auf dem Spiegelberg den neuen Platz.

„Stada“ – Stadtansicht aus der Merian-Topographie
Das mittelalterliche Stade auf dem Geestsporn an der Schwinge – so zeigte es die Merian-Topographie im 17. Jahrhundert. — Foto: Matthäus Merian · Public domain

Ein Hafen an der Kreuzung alter Wege

Die Lage war klug gewählt. Bis ins 13. Jahrhundert galt Stade als der wichtigste natürliche Hafen zwischen Cuxhaven und Harburg und als strategischer Übergang über die Elbe. Von Norden kam der Ochsenweg aus Jütland durch Schleswig-Holstein bis zum gegenüberliegenden Fährhafen Itzehoe; auf der Stader Seite trafen zwei alte Fernhandelsstraßen Richtung Paderborn und Hannover zusammen. Wer Vieh, Salz oder Tuch zwischen Nordsee und Binnenland bewegte, kam an dieser Kreuzung kaum vorbei.

994: Der Überfall und die erste Erwähnung

In die schriftliche Überlieferung tritt der Ort mit einer Katastrophe ein. Im Jahr 994 plünderten Wikinger die Siedlung – und in den Berichten darüber erscheint erstmals der Name Stethu. Dass der Überfall überhaupt festgehalten wurde, zeigt, wie bedeutend der Platz damals schon war. Kurz darauf, um das Jahr 1000, baute man die natürliche Schiffslände zu einem richtigen Hafenbecken aus: dem Vorläufer des heutigen Alten Hansehafens, der bis heute mitten in der Altstadt liegt.

Die Grafen von Stade

Herren des Ortes waren die Udonen, eine Adelsfamilie, die vom 10. bis ins 12. Jahrhundert den Norden und Osten des Elbe-Weser-Dreiecks verwaltete. Ihr Stammvater Heinrich der Kahle saß noch in Harsefeld, wo er 969 eine Burg bauen durfte. Wohl um 1014 verlegten seine Nachkommen den Sitz nach Stade und nannten sich fortan Grafen von Stade. Lothar Udo I. brachte es 1056 sogar zum Markgrafen der Nordmark, dem Gebiet an der Mittelelbe, aus dem später die Mark Brandenburg hervorging.

Die Grafschaft war kein geschlossenes Territorium, sondern ein Geflecht von Rechten und Besitzungen, das sich über das ganze Erzstift Bremen verteilte. 1063 gaben die Udonen ihre Reichsunmittelbarkeit gegen eine hohe Entschädigung auf und nahmen Stade seither als Lehen des Bremer Erzbischofs. Damit war der Ton für die nächsten Jahrhunderte gesetzt: Stade blieb ein Ort, um den Grafen, Herzöge und Bischöfe rangen.

Die Schwinge am Holzhafen mit Blick auf die Stadt
Die Schwinge am Holzhafen – der Fluss, an dessen Ufer Stade entstand. — Foto: Raboe001 · CC BY-SA 3.0 de

Zwei Siedlungen, eine Stadt

Neben der gräflichen Burgsiedlung wuchs ein zweiter Kern heran. 1038 erlaubte Kaiser Konrad II. dem Erzbistum Bremen, auf kirchlichem Grund in Stade einen Markt mit Münze und Zoll einzurichten. Rund um die Bischofskirche St. Wilhadi entstand so ein eigenes Viertel unter geistlicher Herrschaft, Tür an Tür mit dem Burgviertel der Grafen. Das Nebeneinander von weltlicher und kirchlicher Macht prägte die Stadtstruktur bis ins späte Mittelalter.

Als die Udonen 1144 im Mannesstamm ausstarben, griff Heinrich der Löwe zu. Der Welfenherzog nahm die Grafschaft 1145 in Besitz, vereinte die getrennten Siedlungsteile zu einer Stadt und umgab sie mit Wall und Graben. Nach seinem Sturz 1180 stritten Erzstift und Welfen jahrzehntelang um Stade – ein Streit, den die Bürger geschickt zu nutzen wussten. Wie daraus 1209 das Stadtrecht wurde, erzählt der nächste Beitrag.

Quellen

Portal mitgestalten Fehlt hier ein Ort oder hat sich etwas geändert? Sag Bescheid — ich prüfe und ergänze es.