Apfelblüte im Alten Land
Foto: H.Kuhlmann · CC BY-SA 4.0
Stadtblog
Natur & Umland ·

Das Alte Land vor der Haustür — Obstgärten, Deiche und Prunkpforten

Direkt östlich von Stade beginnt das größte geschlossene Obstanbaugebiet Nordeuropas. Wie holländische Siedler die Marsch trockenlegten und warum die Höfe so prächtig sind.

Wer von Stade aus Richtung Hamburg fährt, ist nach wenigen Minuten mitten im Alten Land: Apfelreihen bis zum Horizont, Deiche, Gräben und Bauernhäuser mit kunstvoll gemauerten Giebeln. Die Landschaft ist kein Zufall der Natur, sondern das Ergebnis von fast 900 Jahren Deichbau und Obstkultur.

Wo das Alte Land liegt

Das Alte Land ist ein Teil der Elbmarsch auf der Südwestseite der Elbe. Es reicht von der Schwinge bei Stade bis zur Süderelbe in Hamburg. Auf niedersächsischer Seite gehören dazu die Gemeinde Jork und die Samtgemeinde Lühe, auf Hamburger Seite die Stadtteile Neuenfelde, Cranz und Francop. Stade selbst liegt am westlichen Rand dieses Gebiets — die Wikipedia beschreibt die Lage der Stadt als „Übergang des Alten Landes“ zwischen Kehdingen im Nordwesten und den Obstmarschen im Osten.

Das Gebiet ist in drei sogenannte „Meilen“ gegliedert, die entlang des Elbufers aufeinander folgen. Die Erste Meile zwischen Schwinge und Lühe liegt Stade am nächsten. Sie wurde um 1140 eingedeicht und besiedelt. Die Zweite Meile zwischen Lühe und Este folgte bis zum Ende des 12. Jahrhunderts, die Dritte Meile bis zur Süderelbe war wegen der ständigen Sturmflutgefahr erst Ende des 15. Jahrhunderts fertig eingedeicht.

Holländer in der Marsch

Der Name führt in die Besiedlungsgeschichte. Auf Plattdeutsch heißt die Gegend „Olland“, also Altland — im Gegensatz zum „Neuland“, das später dem Wasser abgerungen wurde. Zwischen 1130 und 1230 holten die Landesherren Siedler aus den Niederlanden, die sich mit Deichen und Entwässerung auskannten. Der Ortsname Hollern in der Gemeinde Hollern-Twielenfleth erinnert bis heute an diese Holländer. In Steinkirchen steht seit 1993 ein Denkmal für einen Priester namens Heinrich, der in der ersten Kolonisationsurkunde für holländische Siedler im Elbe-Weser-Raum um 1113 genannt wird.

Die Dörfer sind typische Marschhufendörfer: Die Höfe stehen aufgereiht an der Straße oder am Deich, das Land jedes Hofes beginnt direkt dahinter und zieht sich als schmaler Streifen bis in die Moorzone am Rand der Geest. Dieses Muster aus Gräben, Wegen und Feldern ist seit dem Mittelalter kaum verändert — ein Grund, warum die Region 2011 und 2021 als UNESCO-Welterbe vorgeschlagen wurde. Beide Bewerbungen scheiterten allerdings schon auf Landes- beziehungsweise Kultusministerebene.

Altländer Bauernhaus bei Jork
Altländer Bauernhaus bei Jork — Foto: JoachimKohler-HB · CC BY-SA 4.0

Häuser mit Schmuckgiebeln

Das auffälligste Merkmal der Altländer Dörfer sind die reich verzierten Bauernhäuser. Backsteinmuster in den Fachwerkgiebeln, weiße Fugen, geschnitzte Balken und die berühmten Prunkpforten — freistehende Torbauten vor dem Hof — zeigen bis heute, wie wohlhabend die Obstbauern auf dem fruchtbaren Marschboden waren. Der Boden nahe der Elbe gilt als der ertragreichste; zur Geest hin wird er moorig und wurde erst später genutzt.

Wer die Bauweise ohne lange Fahrt sehen möchte: Auch in Stade steht ein Altländer Bauernhaus, es wurde ins Freilichtmuseum auf der Insel im Burggraben versetzt und ist dort von außen jederzeit zu besichtigen.

Äpfel, Kirschen und Klappermühlen

Obstanbau an der Niederelbe ist erstaunlich alt. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Stader Stadtbuch: Am 25. März 1312 ist dort von einem „Pomarium“, einem Obstgarten der Mönche des Klosters St. Georg innerhalb der Stadt, die Rede. Im 17. Jahrhundert wurden bereits rund 200 Hektar mit Obst bewirtschaftet. Zur bestimmenden Landnutzung wurde der Obstbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Heute wachsen auf etwa 10.700 Hektar Äpfel, Kirschen, Birnen und anderes Obst. Rund 77 Prozent der Bäume sind Apfelbäume, knapp 13 Prozent Kirschen. Wer im Sommer durch die Dörfer fährt, sieht die Kirschreihen unter feinen Netzen: Sie schützen die Früchte vor Staren, auf Plattdeutsch „Spreen“. Früher übernahmen das Kinder mit Handklappern und Rufen, später klappernde Windmühlen an langen Stangen und schließlich Propangas-Knallapparate, die stundenlang über die Marsch hallten. Seit Ende der 1980er-Jahre setzen sich die leiseren Vogelschutznetze durch.

Das Alte Land aus der Luft
Das Alte Land aus der Luft — Foto: Dkvtig · CC BY-SA 4.0

Die Blüte — und der Klimawandel

Der bekannteste Moment im Altländer Jahr ist die Obstblüte im Frühjahr, wenn die Plantagen weiß und rosa werden. Zum Blütenfest wird jedes Jahr eine Blütenkönigin gewählt, die die traditionelle Altländer Hochzeitstracht trägt. Der Termin verschiebt sich allerdings: Seit 1975 ist die Durchschnittstemperatur im Alten Land um 1,7 Grad gestiegen, und Sorten wie der Rote Boskoop blühen inzwischen mehrere Wochen früher als damals. Fachleute halten es für möglich, dass langfristig Pfirsiche und Aprikosen einen Teil des Apfelanbaus ablösen.

Verwaltung: vom Kreis Jork zum Landkreis Stade

Politisch hat das Alte Land seit dem Mittelalter eine eigene Selbstverwaltung gehabt, zuletzt als preußischer Landkreis Jork ab 1885. Mit dessen Auflösung 1932 kam der Teil westlich der Este zum Landkreis Stade, der östliche zum Landkreis Harburg. 1937 gingen Cranz, Neuenfelde und Francop durch das Groß-Hamburg-Gesetz an Hamburg. Seit der Gebietsreform 1972 gehören auch Hove und Moorende zur Gemeinde Jork und damit zum Landkreis Stade. Für Stader bedeutet das: Jork, Steinkirchen und Hollern-Twielenfleth sind nicht nur Nachbarn, sondern Teil desselben Kreises — mit Bussen der KVG, die vom Stader Bahnhof direkt ins Obstland fahren.

Galerie

Blühende Obstplantage im Alten Land
Blühende Obstplantage im Alten Land — Foto: Holger.Ellgaard · CC BY-SA 3.0
Apfelplantage im Alten Land
Apfelplantage im Alten Land — Foto: Muns · CC BY 3.0
Fachwerkhof in Hollern-Twielenfleth
Fachwerkhof in Hollern-Twielenfleth — Foto: ClausNe · CC BY-SA 4.0
Schafe auf dem Elbdeich
Schafe auf dem Elbdeich — Foto: HansESchmidt · CC0

Quellen

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