Das Alte Rathaus an der Hökerstraße ist ein Gebäude mit zwei Geburtstagen. Der eine liegt im 13. Jahrhundert, als hier zum ersten Mal ein Rathaus urkundlich erwähnt wird. Der andere ist das Jahr 1667, als die Stadt nach der größten Katastrophe ihrer Geschichte ein neues Haus auf die alten Keller setzte. Beide Schichten sind bis heute sichtbar.
Der 26. Mai 1659
Elf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, mitten in der schwedischen Zeit, brach am 26. Mai 1659 in Stade ein Feuer aus, das zwei Drittel aller Gebäude der Stadt zerstörte. Die beiden Altstadtkirchen St. Wilhadi und St. Cosmae blieben als Bauwerke stehen, verloren aber ihre gesamte Innenausstattung. Das Rathaus brannte nieder. Nur seine Gewölbe mit dem Ratskeller überstanden die Flammen. Bis heute stehen in einigen Straßenzügen Häuser aus der Zeit vor dem Brand; die meisten Fachwerkhäuser der Altstadt aber stammen aus den Jahrzehnten danach, denn die Stadt wurde mit unverändertem Grundriss, aber neuen Häusern wieder aufgebaut.
Was vom mittelalterlichen Rathaus blieb
Ein Rathaus gab es in Stade schon im 13. Jahrhundert; 1279 wird es erstmals in einer Urkunde genannt und war vermutlich kurz zuvor errichtet worden. Alte Ansichten zeigen einen Längsflügel an der St.-Cosmae-Kirche und davor zwei quer zur Hökerstraße stehende Traufenhäuser mit Zwerchgiebeln. Von diesem Bau sind der kleine Gewölbekeller im Nordteil des heutigen Gebäudes erhalten sowie die Pfeiler und die beiden Gurtbögen im großen Weinkeller, dessen Gewölbe im 15. Jahrhundert erneuert wurden.
Genau auf diesen Kellern begann 1667 der Neubau – zum Teil sogar aus den Backsteinen des Vorgängers. Entstanden ist ein zweigeschossiger Winkelbau an der Ecke Hökerstraße/Cosmaekirchhof mit Walmdach und einem Dachreiter mit offener Laterne. Alle gliedernden und schmückenden Teile bestehen aus Sandstein. Die lange Front zur Hökerstraße ist die Hauptfassade: Gesimse teilen sie waagerecht, Sandsteinquader betonen die Ecken und die Fensterbögen im Erdgeschoss, und in der Mitte sitzen Portal und ein kleiner Dreiecksgiebel.

Ein Portal mit Botschaft
Das Portal ist das Schmuckstück des Hauses. Der Bremer Bildhauer Wilhelm Bokeloh schuf es 1667, vermutlich nach dem Vorbild des Hauptportals am Bremer Gewerbehaus. Zwei Löwen halten das Staatswappen des Königreichs Schweden – ein deutliches Zeichen, wer damals in Stade regierte. Seitlich stehen die Statuen der Wahrheit und der Gerechtigkeit, oben thront Merkur, der Gott der Kaufleute. Darüber liest man die Inschrift „JUSTITIA ET PIETAS PAX ET CONCORDIA VERNENT“: Gerechtigkeit und Frömmigkeit, Friede und Eintracht mögen blühen. Dachgesims und Dachreiter entstanden nach Entwürfen von Andreas Henne, dem Ratszimmermeister, der auch im Inneren die Handschrift hinterließ.
Innen: Treppe, Türen, Stuck
Von der großen Halle im Erdgeschoss führt gegenüber dem Hauptportal eine zweiläufige Holztreppe mit schweren Balustern nach oben, ebenfalls von Henne entworfen; 1848 setzte man ihr eine Bogenstellung mit einem mittleren Korbbogen vor. Hennes Türen sind im Erdgeschoss mit rustizierten Halbsäulen und gesprengten Dreiecksgiebeln versehen, im Obergeschoss noch reicher verziert. 1989 erhielten sie nach Befund ihre Fassung zurück: rote Marmorierung unten, graue Marmorimitation oben.
Der Weg in den großen Festsaal führt durch ein offenes Portal mit korinthischen Säulen und einem mächtigen Segmentbogengiebel; an der Ostseite des Saals hat sich das originale zweiflügelige Portal mit dem Wappen der Hansestadt und geflügelten Putten erhalten. In einzelnen Räumen tragen Stuckdecken die Jahreszahl 1668 – mit Greifen, Pelikan, Justitia und Fruchtgehängen. Aus der alten Einrichtung sind eine eisenbeschlagene Truhe und eine fahrbare Lade aus dem 17. Jahrhundert sowie drei Bildnisse der hannoverschen Könige Georg I., II. und III. erhalten. Die Ausstattung der einstigen Folterkammer befindet sich heute im Heimatmuseum.

Der Ratskeller: Wein seit 1305
Unter dem Rathaus liegt sein ältester Teil. Am 22. Februar 1305 wird der Ratskeller im ersten Stader Stadtbuch als Weinkeller und Schänke erwähnt – damit gehört er zu den ältesten Ratskellern Deutschlands. Dass gerade die Keller den Brand von 1659 überstanden, hat dem Gebäude seine Kontinuität bewahrt: Wer heute hinuntersteigt, steht in Gewölben, die älter sind als alles, was darüber steht.
Das Rathaus heute
Das Alte Rathaus wird unter anderem für Konzerte und Veranstaltungen genutzt. An seinen rechten Flügel schließt der Neubau des Rathauses aus den Jahren 1985 bis 1988 an, der den Verwaltungsbetrieb aufnahm. Östlich davon stehen das 1844/46 erbaute Ratswärterhaus aus Backstein und dahinter, zur Straße Hinter Hagedorn, das mittelalterliche, teils in Fachwerk errichtete Ratsweinkellerhaus. In seinem Inneren entdeckte man 1987 Wand- und Deckenmalereien aus zwei Phasen des 17. Jahrhunderts – gemalte Scheinarchitektur aus Rundbogenarkaden und Medaillons mit lebendigen Landschaften, die denen im Goebenhaus am Wasser West ähneln.
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