Seehafen und Industriegebiet Bützfleth
Foto: Walter Rademacher · CC BY-SA 3.0
Stadtblog
Verkehr & Wirtschaft ·

Industrie an der Elbe — Bützfleth, Seehafen und das Ende des Kernkraftwerks

Seit 1972 arbeitet Stade am Elbufer: Chemiewerk, Aluminiumoxid, Seehafen, ein Kernkraftwerk im Rückbau und ein Airbus-Werk im Süden der Stadt.

Wer vom Elbdeich bei Bützfleth nach Osten schaut, sieht eine andere Seite von Stade: Kaianlagen, Schornsteine, Tanklager und die Kuppel eines stillgelegten Kernkraftwerks. Das Industriegebiet auf dem Bützflether Sand entstand erst vor gut fünfzig Jahren — und hat die Stadt wirtschaftlich stärker verändert als jede Epoche seit der Hanse.

Eine Entscheidung Ende der 1960er Jahre

Bis in die 1960er Jahre war Bützfleth ein Kirchspiel an der Unterelbe, in dem Schifffahrt, Obstbau und Landwirtschaft den Alltag bestimmten. Ende des Jahrzehnts fiel die Entscheidung, hier Großindustrie anzusiedeln. Sie führte am 1. Juli 1972 zur Eingemeindung nach Stade — und zu einem raschen Wandel des Ortes. Mit den neuen Werken kamen Arbeitskräfte von außerhalb, darunter viele Gastarbeiter aus der Türkei, deren Familien heute in zweiter und dritter Generation zum Ort gehören.

Auf dem Gelände im Osten, dem Bützflether Sand, siedelten sich das Chemiewerk von Dow und ein Aluminiumwerk der VAW an; daneben entstand die Aluminium Oxid Stade GmbH (AOS), die bis heute Bauxit zu Aluminiumoxid verarbeitet. Das Aluminiumwerk selbst wurde 2003 vom norwegischen Konzern Hydro übernommen und Ende 2006 wegen zu hoher Strompreise stillgelegt; Teile davon wurden abgerissen.

Das stillgelegte Kernkraftwerk Stade (2018)
Das stillgelegte Kernkraftwerk Stade (2018) — Foto: C. Löser · CC BY 3.0 de

Das Kernkraftwerk Stade (1972–2003)

Direkt an der Schwingemündung, im Ortsteil Stadersand, steht das bekannteste Bauwerk des Industriegebiets: das Kernkraftwerk Stade, kurz KKS. Beantragt wurde es im Juli 1967, gebaut von Siemens beziehungsweise der Kraftwerk Union; am 19. Mai 1972 nahm es den kommerziellen Betrieb auf. Der Druckwasserreaktor lieferte 630 Megawatt elektrische Nettoleistung. Von 1984 an gab das Werk außerdem Prozessdampf an die benachbarte Saline ab.

Am 14. November 2003 um 8.31 Uhr wurde das Kraftwerk abgeschaltet — als erstes deutsches Kernkraftwerk nach dem beschlossenen Atomausstieg. Der Betreiber E.ON nannte wirtschaftliche Gründe. Mit dem Kraftwerk endete auch die Saline, die rund zwanzig Jahre lang Dampf von dort bezogen hatte. Im April 2005 verließen die letzten Brennelemente das Gelände.

Ein Rückbau, der länger dauert als geplant

Seit Oktober 2005 wird die Anlage in fünf Phasen zurückgebaut: vom Abbau nicht mehr benötigter Anlagenteile über die Dampferzeuger und den Reaktordruckbehälter bis zum konventionellen Abbruch der Gebäude. Ursprünglich sollte alles bis 2015 erledigt sein. 2014 wurde jedoch im Sockel des Reaktorgebäudes radioaktiv belastete Kondensnässe entdeckt, was den Zeitplan um Jahre verschob. Die Kosten wurden zuletzt mit rund einer Milliarde Euro angegeben; als Ziel für den Abschluss nannte der heutige Betreiber PreussenElektra das Ende des Jahres 2026. Ein Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle auf dem Gelände ist bis längstens 2046 genehmigt.

Der Seehafen Stade-Bützfleth

Ebenfalls 1972 wurde der Seehafen eröffnet. Er liegt 60 Seemeilen von der Nordsee entfernt und kann Schiffe bis 270 Meter Länge und 14 Meter Tiefgang abfertigen; der Tidenhub beträgt hier gut drei Meter. Nord- und Südpier dienen dem Werksumschlag der ansässigen Industrie — vor allem Bauxit für das Aluminiumoxid-Werk und Chemikalien von Dow —, dazu kommt ein Nordwest-Kai für Baustoffe wie Sand, Kies und Ton. Nach Umschlagsmenge zählt Stade zu den zehn größten Seehäfen Deutschlands: 2020 wurden 6,2 Millionen Tonnen bewegt, 2022 waren es 5,1 Millionen Tonnen. Seit 2009 wird der Hafen durch den landeseigenen Betreiber Niedersachsen Ports in zwei Ausbaustufen erweitert.

Das LNG-Terminalschiff „Energos Force“ im Industriehafen
Das LNG-Terminalschiff „Energos Force“ im Industriehafen — Foto: Jbasic · CC BY-SA 4.0

Mit Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Rostock gehört Stade zu den Standorten, an denen ein Terminal für Flüssigerdgas (LNG) errichtet wird; der südliche Hafen wird um einen Liegeplatz für LNG-Tankschiffe erweitert. Rund fünfzig Umweltverbände und Bürgerinitiativen haben sich gegen das Vorhaben ausgesprochen.

Airbus im Süden — und was aus dem Kohlekraftwerk wurde

Industrie gibt es nicht nur an der Elbe. Im Gewerbegebiet Süd arbeiten mehr als 2000 Beschäftigte im Airbus-Werk Stade und im Umfeld des Forschungszentrums CFK Nord, das sich mit kohlenstofffaserverstärkten Kunststoffen befasst. Insgesamt zählt die Stadt über 3700 Betriebe mit mehr als 23 000 Beschäftigten; im Industriegebiet Bützfleth allein sind es über 2300.

Ein Kapitel blieb Planung: Ab 2008 wollte Dow am Chemiewerk ein Steinkohlekraftwerk mit bis zu 920 Megawatt errichten. Knapp 10 000 Bürger reichten Einwendungen ein, der Stadtrat stimmte 2014 dennoch zu, eine Klage von Umweltverbänden scheiterte 2017. Beantragt wurde das Kraftwerk aber nie, und nachdem die Kohlekommission 2019 empfahl, keine neuen Kohlekraftwerke mehr in Betrieb zu nehmen, geriet das Projekt in die Warteschleife. Auch andere Konzerne gaben ihre Pläne für neue Kohlekraftwerke in Stade auf.

Was bleibt, ist ein Industriegebiet im Umbruch: Kraftwerk und Saline geschlossen, das Aluminiumwerk stillgelegt, dafür Hafenausbau und LNG. Wie das Gelände an der Schwingemündung künftig genutzt wird, ist eine der offenen Fragen der Stadtentwicklung.

Galerie

Industriegebiet Bützfleth an der Elbe
Industriegebiet Bützfleth an der Elbe — Foto: © Ra Boe / Wikipedia · CC BY-SA 3.0 de
Luftbild des Kernkraftwerks Stade
Luftbild des Kernkraftwerks Stade — Foto: Louis-F. Stahl · CC BY-SA 3.0 de
Der Seehafen Stade-Bützfleth aus der Luft
Der Seehafen Stade-Bützfleth aus der Luft — Foto: © Ra Boe / Wikipedia · CC BY-SA 3.0 de

Quellen

Portal mitgestalten Fehlt hier ein Ort oder hat sich etwas geändert? Sag Bescheid — ich prüfe und ergänze es.